Was sind Antioxidantien?
Antioxidantien beeinflussen oxidative Prozesse und die Redoxbalance von Zellen. Was sie leisten, warum reaktive Sauerstoffspezies nicht nur schädlich sind und weshalb Bioverfügbarkeit entscheidend ist.
Kurzantwort
Antioxidantien sind Stoffe oder biologische Systeme, die oxidative Reaktionen unter bestimmten Bedingungen verzögern, begrenzen oder regulieren können. Sie wirken jedoch nicht alle auf dieselbe Weise und sind keine universellen „Radikalfänger“.
Zellen verfügen über ein abgestimmtes Netzwerk aus Enzymen und kleineren Molekülen. Dieses Netzwerk hält reaktive Sauerstoffspezies in einem kontrollierten Bereich. Denn diese Moleküle können Zellbestandteile schädigen, erfüllen in angemessener Konzentration aber auch wichtige Aufgaben in der Signalübertragung.
Entscheidend ist deshalb nicht, möglichst alle reaktiven Sauerstoffspezies zu beseitigen, sondern die zelluläre Redoxbalance aufrechtzuerhalten.
Bewertungsrahmen
Bewertungsgegenstand: Der biologische Begriff „Antioxidans“ und antioxidative Schutzsysteme.
Zu prüfende Frage: Was können Antioxidantien nachweislich leisten – und welche Schlussfolgerungen lassen sich aus einer antioxidativen Laboraktivität nicht ableiten?
Geeignete Evidenz: Biochemische Definitionen, mechanistische Forschung, Redoxbiologie und systematische Auswertungen klinischer Studien.
Nicht ausreichend: Werbeaussagen, eine einzelne Laborzahl oder die bloße Bezeichnung eines Produktes als „antioxidativ“.
Begriffsdefinition
Eine häufig verwendete wissenschaftliche Definition geht auf den Biochemiker Barry Halliwell zurück. Danach ist ein Antioxidans eine Substanz, die – verglichen mit dem oxidierbaren Substrat in niedriger Konzentration vorhanden – dessen Oxidation deutlich verzögert oder verhindert.[1]
Diese Definition ist bewusst an Bedingungen geknüpft. Ob ein Stoff antioxidativ wirkt, hängt unter anderem ab von:
- der betrachteten Reaktion,
- seiner Konzentration,
- dem chemischen Umfeld,
- dem Ort im Körper,
- möglichen Stoffwechselprodukten,
- dem Zeitpunkt der Einwirkung.
Die Bezeichnung „Antioxidans“ beschreibt deshalb keine pauschale gesundheitliche Wirkung.
Was sind reaktive Sauerstoffspezies?
Bei Stoffwechselprozessen entstehen reaktive Sauerstoffspezies, häufig mit der englischen Abkürzung ROS bezeichnet. Dazu gehören beispielsweise das Superoxid-Radikalanion und Wasserstoffperoxid.
In zu hoher Konzentration können reaktive Spezies Proteine, Lipide oder Erbmaterial verändern. Eine solche Verschiebung wird als oxidativer Stress beziehungsweise – bei schädigender Ausprägung – als oxidative Belastung beschrieben.[2]
ROS sind jedoch nicht ausschließlich Abfall- oder Schadstoffe. Wasserstoffperoxid und andere reaktive Spezies wirken in kontrollierten Konzentrationen auch als Signalmoleküle. Sie beeinflussen unter anderem Anpassungs-, Immun- und Stressreaktionen.[3][4]
Die moderne Redoxbiologie unterscheidet daher zwischen:
- oxidativem Eustress: regulierte, physiologisch nützliche Redoxsignale,
- oxidativem Distress: eine überschießende oder fehlgeleitete Belastung, die Schäden verursachen kann.
Das biologische Ziel ist nicht die vollständige Entfernung aller ROS, sondern ihre räumlich und zeitlich kontrollierte Regulation.
Wie arbeiten antioxidative Schutzsysteme?
Der Körper verwendet kein einzelnes „Super-Antioxidans“. Er arbeitet mit einem Netzwerk verschiedener Schutz- und Regulationsmechanismen.
Enzymatische Systeme
Zu den enzymatischen Schutzsystemen gehören unter anderem:
- Superoxiddismutasen, die Superoxid in Wasserstoffperoxid überführen,
- Katalase, die Wasserstoffperoxid abbauen kann,
- Glutathionperoxidasen und Peroxiredoxine, die verschiedene Peroxide reduzieren.
Diese Systeme wirken aufeinander abgestimmt. Das Produkt einer Reaktion kann zum Ausgangsstoff der nächsten werden.
Kleine antioxidativ wirkende Moleküle
Auch kleinere Moleküle können Teil des Redoxnetzwerks sein. Dazu gehören beispielsweise Glutathion sowie die Vitamine C und E.
Ihre Funktion hängt vom jeweiligen chemischen Milieu ab. Wasserlösliche und fettlösliche Moleküle befinden sich an unterschiedlichen Orten und können deshalb nicht ohne Weiteres miteinander verglichen werden.
Indirekte Schutzmechanismen
Zellulärer Schutz umfasst außerdem:
- die Bindung reaktionsfähiger Metallionen,
- die Reparatur oder Entfernung geschädigter Moleküle,
- die Aktivierung körpereigener Schutzgene,
- die Regeneration bereits oxidierter Moleküle,
- die Anpassung des Stoffwechsels an Belastungen.
„Antioxidativer Schutz“ ist daher größer als das direkte Abfangen eines einzelnen Radikals.
Was bedeutet antioxidative Aktivität im Labor?
Laborverfahren können untersuchen, wie stark eine Substanz unter festgelegten Bedingungen mit einem Testmolekül reagiert oder eine bestimmte Oxidationsreaktion beeinflusst.
Ein solcher Wert beschreibt zunächst nur das jeweilige Testsystem.
Er beantwortet nicht automatisch:
- ob der Stoff im Verdauungssystem stabil bleibt,
- welcher Anteil aufgenommen wird,
- wie er verstoffwechselt wird,
- welche Konzentration im Blut oder Zielgewebe entsteht,
- ob seine Stoffwechselprodukte gleich wirken,
- ob im Menschen ein relevanter gesundheitlicher Effekt eintritt.
Eine hohe antioxidative Aktivität im Reagenzglas ist deshalb ein mechanistischer Hinweis, aber noch kein klinischer Wirksamkeitsnachweis.[1][6]
Warum „mehr“ nicht automatisch „besser“ bedeutet
Da reaktive Sauerstoffspezies auch an notwendigen Signalprozessen beteiligt sind, wäre ihre vollständige Unterdrückung biologisch nicht grundsätzlich wünschenswert.
Auch aus dem Begriff „Antioxidans“ lässt sich nicht ableiten, dass eine möglichst hohe Dosis automatisch vorteilhaft ist. Wirkung und Risiko hängen von Substanz, Dosierung, Dauer, Ausgangslage und Anwendungskontext ab.
Eine große systematische Auswertung randomisierter Studien konnte keinen allgemeinen Nutzen antioxidativer Nahrungsergänzungsmittel zur Vorbeugung von Todesfällen zeigen. Für einzelne hoch dosierte isolierte Antioxidantien wurden in den ausgewerteten Studien sogar ungünstige Signale gefunden.[5]
Diese Ergebnisse bedeuten nicht, dass antioxidative Zellmechanismen unwichtig wären. Sie zeigen vielmehr, dass:
- ein plausibler Mechanismus keine klinische Wirkung garantiert,
- Lebensmittel und isolierte Hochdosispräparate nicht gleichgesetzt werden dürfen,
- verschiedene Antioxidantien nicht als einheitliche Stoffgruppe bewertet werden können.
Was gilt als gut belegt?
Gut belegt ist:
- Oxidative Reaktionen gehören zum normalen Zellstoffwechsel.
- Reaktive Sauerstoffspezies können sowohl Signalfunktionen übernehmen als auch Schäden verursachen.
- Zellen verfügen über mehrere miteinander verbundene antioxidative und reparierende Systeme.
- Die Wirkung einer Substanz hängt von Konzentration, Ort, Zeit und biologischem Kontext ab.
- Eine Laborwirkung allein beweist keine gesundheitliche Wirkung beim Menschen.
Was bleibt abhängig vom Einzelfall?
Nicht pauschal beantwortet werden kann:
- ob eine bestimmte Person von einer zusätzlichen Zufuhr profitiert,
- welche Dosierung für einen bestimmten Zweck angemessen ist,
- ob ein einzelner Laborwert eine Wirkung im Körper widerspiegelt,
- ob verschiedene Produkte aufgrund einer angegebenen „antioxidativen Stärke“ vergleichbar sind,
- ob ein beobachteter Biomarker-Unterschied einen spürbaren gesundheitlichen Nutzen bedeutet.
Dafür werden substanz-, dosis- und anwendungsbezogene Daten benötigt.
Häufige Missverständnisse
„Freie Radikale sind grundsätzlich schädlich.“
Zu pauschal. Reaktive Spezies können Schäden verursachen, sind aber zugleich Teil normaler biologischer Signal- und Abwehrprozesse.
„Das stärkste Antioxidans im Labor wirkt auch im Menschen am stärksten.“
Nicht belegt. Aufnahme, Stoffwechsel, Verteilung, Wirkort und erreichbare Konzentration können das Ergebnis grundlegend verändern.
„Alle Antioxidantien sind austauschbar.“
Falsch. Unterschiedliche Stoffe reagieren mit unterschiedlichen Zielmolekülen, befinden sich in unterschiedlichen Zellbereichen und werden verschieden verstoffwechselt.
„Je höher die Dosis, desto größer der Nutzen.“
Nicht allgemein haltbar. Eine höhere Dosis kann wirkungslos, störend oder in bestimmten Situationen nachteilig sein.
„Antioxidativ“ ist bereits ein Gesundheitsnachweis.
Nein. Die Beschreibung eines biochemischen Mechanismus ist nicht gleichbedeutend mit dem Nachweis eines klinischen Nutzens.
Warum Bioverfügbarkeit entscheidend ist
Bei der Bewertung einer antioxidativ beschriebenen Substanz muss nach der Laboranalyse eine zweite Ebene folgen:
- Wird die Substanz aufgenommen?
- In welcher Form gelangt sie in den Organismus?
- Wie wird sie umgewandelt?
- Welche Konzentration erreicht sie?
- Gelangt sie an den relevanten Wirkort?
- Verändert sie dort tatsächlich einen biologisch bedeutsamen Prozess?
Diese Fragen werden unter dem Begriff Bioverfügbarkeit beziehungsweise im weiteren Sinne unter Pharmakokinetik und biologischer Verfügbarkeit behandelt.
„Was bedeutet Bioverfügbarkeit?“In redaktioneller Prüfung
Aussagegrenzen
Dieser Beitrag erklärt den biologischen Begriff Antioxidans und die Grundlagen zellulärer Redoxregulation.
Er belegt nicht:
- die Wirksamkeit eines bestimmten Produktes,
- die Notwendigkeit einer Nahrungsergänzung,
- eine geeignete individuelle Dosierung,
- die Vorbeugung oder Behandlung einer Erkrankung,
- die Überlegenheit eines einzelnen antioxidativen Stoffes.
Produkt- oder gesundheitsbezogene Aussagen benötigen jeweils eine eigene Prüfung anhand geeigneter Daten.
Quellenregister
How to characterize an antioxidant: an update
Halliwell B (1995). Biochemical Society Symposia. 1995;61:73–101
Belegt: die kontextabhängige wissenschaftliche Definition eines Antioxidans und Grenzen pauschaler Antioxidans-Aussagen.
Belegt nicht: die klinische Wirksamkeit eines bestimmten Produktes.
Oxidative stress: a concept in redox biology and medicine
Sies H (2015). Redox Biology. 2015;4:180–183
Belegt: die wissenschaftliche Einordnung von oxidativem Stress und Redoxbiologie.
Belegt nicht: dass jede antioxidative Intervention oxidativen Stress sinnvoll behandelt.
Reactive oxygen species (ROS) as pleiotropic physiological signalling agents
Sies H, Jones DP (2020). Nature Reviews Molecular Cell Biology. 2020;21:363–383
Belegt: die vielfältigen physiologischen Signalfunktionen reaktiver Sauerstoffspezies.
Belegt nicht: den Nutzen eines bestimmten Antioxidans oder Nahrungsergänzungsmittels.
Hydrogen peroxide as a central redox signaling molecule in physiological oxidative stress: Oxidative eustress
Sies H (2017). Redox Biology. 2017;11:613–619
Belegt: Wasserstoffperoxid als physiologisches Signalmolekül und die Unterscheidung von Eustress und Distress.
Belegt nicht: dass oxidativer Stress grundsätzlich erwünscht oder harmlos ist.
Antioxidant supplements for prevention of mortality in healthy participants and patients with various diseases
Bjelakovic G, Nikolova D, Gluud LL, Simonetti RG, Gluud C (2012). Cochrane Database of Systematic Reviews. 2012;CD007176
Belegt: Für die untersuchten antioxidativen Supplemente lässt sich kein pauschaler präventiver Nutzen ableiten; bei einzelnen isolierten Substanzen traten ungünstige Signale auf.
Belegt nicht: dass alle Antioxidantien, Lebensmittel oder körpereigenen antioxidativen Systeme schädlich oder wirkungslos sind.
Targeting oxidative stress in disease: promise and limitations of antioxidant therapy
Forman HJ, Zhang H (2021). Nature Reviews Drug Discovery. 2021;20:689–709
Belegt: die Schwierigkeiten, allgemeine antioxidative Mechanismen in wirksame und zielgerichtete Interventionen zu übersetzen.
Belegt nicht: die Wirksamkeit oder Unwirksamkeit jedes einzelnen antioxidativen Ansatzes.